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Reichenauer Sommerschule 2024

Vertrauen &
Verantwortung

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Verantwortung zu übernehmen, heißt, sich dem Gelingen einer Aufgabe zu verpflichten und auch darüber Rechenschaft abzulegen. Insofern ist die Verantwortungsübernahme ein tragendes Bindeglied jeder Gemeinschaft. Doch Verantwortung zu übernehmen wird – in Gesellschaft wie Psychiatrie – immer schwieriger: Das eigene Handeln wird immer mehr reguliert, beschnitten und einer Verwaltungs- und Abrechnungslogik unterworfen. Sich einzusetzen wird rasch als Einmischung, Kompetenzüberschreitung oder sogar als naiv missverstanden.

 

Doch während Begriffe wie „Vertrauen“ und „Verantwortung“ in der Moralphilosophie einen festen Platz gefunden haben, sind sie in der Medizin inzwischen in der Fachschublade „Medizinethik“ verschwunden und scheinen oft vergessen zu werden.

 

Dabei ist die Frage, wie wir Vertrauen und Verantwortung in Psychiatrie und Gesellschaft leben können, hochaktuell. Denn mit der Sturmflut der „Künstlichen Intelligenz“ scheinen viele, früher als spezifisch menschlich verstandene Eigenschaften, wie eben Intelligenz, Sprache und Kreativität scheinbar zunehmend von Maschinen übernommen zu werden. Erneut mag zutreffen, dass wir uns auch dieser technologischen Entwicklung schlecht vorbereitet und in spielerischer Naivität hingeben (N. Y. Harari). Unbenommen dessen könnte allerdings gerade diese Entwicklung auch dem Erkennen der Bedeutung von zentralen menschlichen Sichtweisen wie „Vertrauen“ und „Verantwortung“ zu neuer Aufmerksamkeit verhelfen.

 

Unser Kolloquium „Sommerschule Reichenau“, 2024 bereits in 9. Auflage, ist der „Translation“ von Themen der Philosophie, der Psychologie und den Neurowissenschaften in psychiatrischem und psychotherapeutischem Alltag und Forschung gleichermaßen verpflichtet.

 

Für die Bereitstellung der notwendigen Mittel danken wir der Universität Konstanz, dem ZfP Reichenau und dem Bürgermeisteramt der Gemeinde Reichenau. Hierdurch ist auch weiterhin eine für alle Interessierten kostenlose Teilnahme möglich.

Johannes Rusch, Thomas Müller, Dorothea Debus und Daniel Nischk

Programm

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Freitag, 23.08.2024

14:00 bis 14:15 Uhr

Grußwort und Eröffnung

Uwe Herwig, ZfP Reichenau

14:15 bis 15:45 Uhr

Akrasia oder Zwang - Das Problem der Willensschwäche und Verantwortungsübernahme.

Georg Juckel, Bochum

16:15 bis 17:45 Uhr

Immanuel Kant als irrender Ritter – eine kritische Analyse der „V{er[ant}w(ORT]ung)“.

Hans Förstl, München

Samstag, 24.08.2024

08:30 bis 10:00 Uhr

Zur Ethnographie des eigenen Lebens: Lebenserfahrung und Verantwortung.

Andrea Lailach-Hennrich, Konstanz

 

10:15 bis 11:45 Uhr

Verantwortung in der psychiatrischen Praxis - Handeln zwischen Freiheit und Zwang?

Dyrk Zedlick, Leipzig

12:00 bis 13:30 Uhr

Verantwortung anders denken? Ethisches Handeln im Zeitalter der ökologischen Vernichtung

Maeve  Cooke, Konstanz

Ansprechpartner

Bei organisatorischen oder inhaltlichen Fragen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Dr. Daniel Nischk

Telefon: 07531 977-978761

E-Mail: d.nischk@zfp-reichenau.de

ansprechpartner

Veranstaltungsort

Rathaus der Gemeinde Reichenau

Münsterplatz 2
78479 Insel Reichenau

Anmeldung

Mit Ihrer Anmeldung erleichtern Sie uns die Planung. Die Teilnahme ist dank unserer Sponsoren. kostenlos. Am unkompliziertesten melden Sie sich direkt hier an.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung!

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Abstracts

Akrasia oder Zwang - Das Problem der Willensschwäche und Verantwortungsübernahme

Prof. Georg Juckel

Akrasie bezeichnet schon in der Antike das Problem, wider besseren Wissens oder seiner eigenen besseren Beurteilung einer Situation sowie wider des wohlverstandenen Eigeninteresses, also insgesamt irrational und als Form einer Selbsttäuschung, eine Handlung auszuführen, die man für schlecht hält. Damit ist unter den psychischen Störungen neben dem unwiderstehlichen Drang der Sucht und der Einschränkung der Selbstbestimmungsfähigkeit bei der Schizophrenie mit imperativen Phonemen, bzw. Fremdbeeinflussungserleben vor allem die repetitiven Handlungsmuster bei der Zwangsstörung gemeint, bei dem sich oft ein unentrinnbaren innerer Drang des Zwanges mit der mit ihm verbundenen Unfreiheit der Willensbildung zu finden ist: Ein Patient mit einer Zwangsstörung führt wider besseren Wissens, er findet sie in der Regel ja unsinnig, d.h. gegen einleuchtenden Gründe und klare Argumente, seine Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen aus. Aber könnte er sich nicht bewusst mit ganz viel Willensstärke z.B. im Rahmen einer Verhaltenstherapie auch gegen diese entscheiden und seine aufkommende Angst und Unruhe bei der Unterlassung der Zwänge wegfluten lassen? Damit stellt sich die entscheidende Frage, ob ein psychisch Kranker wie ein Patient mit einer Zwangsstörung auch anders wollen könnte, wenn er nur wollte, oder ob er nicht anders will, weil er nicht anders kann, sprich ob er aufgrund der ggw. Stärke der Symptomatik seiner psychischen Störung keine explizite Wahlfreiheit besitzt.

Immanuel Kant als irrender Ritter – eine kritische Analyse der „V{er[ant}w(ORT]ung)“.

Prof. Hans Förstl

Im Prinzip geht es um die Frage, wie sehr wir Worten und Denken vertrauen dürfen. Es gibt ja diese Behauptung, dass am Anfang das Wort gewesen sei und man fragt sich, wer auf so eine Idee kommen konnte. Im konkreten Einzelfall wäre die Frage, ob es sich lohnte, dass ein Mensch so lange an synthetischen Urteilen a priori herumlaborierte. Und die Lösung für seine Probleme erfolgten dann doch oft eher intuitiv. Ist dergleichen zu verantworten? Vielleicht kann man auch darüber sprechen, ob das stimmige, richtige und wichtige verantwortungsvoll gesprochene wahre Wort etwas mit dem rechten Ort zu tun hat – und wie lange? (Und wo liessen sich derartige Ideen leichter verbreiten als am Bodensee, wo selbst bodenständige alemannische Gelehrsamkeit zu manchen Höhenflügen ansetzte).

Zur Ethnographie des eigenen Lebens: Lebenserfahrung und Verantwortung.

Dr. Andrea Lailach

Wie beurteilen wir unser eigenes Verhalten, wenn dieses durch neue moralische Überzeugungen plötzlich in Frage gestellt wird? Reflektieren wir über unsere eigene Verantwortung oder weisen wir diese zurück mit einem Verweis auf früher geltende Standards? Otto F. Bollnow, bis in die 1970ziger Jahre Professor für Pädagogik und Philosophie an der Universität Tübingen, hat sich für letzteres entschieden. Als er von einem französischen Studenten zu seiner früheren Mitgliedschaft in der NSDAP befragt wurde, beklagte er lediglich die „an Unmöglichkeit grenzende Schwierigkeit der heutigen Generation, die Verhältnisse zu verstehen, die sie nicht mit erlitten“ haben (Kahl 2020: 17). Bollnow ist deshalb ein interessantes Beispiel, weil er seine Weigerung die eigene Position im Nationalsozialismus zu reflektieren auf eine bestimmte Konzeption von Erfahrung stützen konnte: Erfahrung als Erleiden. Wer eine bestimmte Erfahrung nicht gemacht, d.h. nicht erlitten hat, sei nicht in der Lage diese zu beurteilen – so kann man ihn verstehen. In meinem Vortrag möchte ich zeigen, dass die Konzeption von Erfahrung als etwas, dass einem geschieht, hinsichtlich der Frage der Verantwortungsübernahme zu problematischen Konsequenzen führt. (Bollnow ist dafür nur der Ausgangspunkt.) Dafür werde ich zunächst verschiedene Konzepte von „Lebenserfahrung“ diskutieren, um dann zu zeigen, wie und auf welche Weise „Lebenserfahrung“ vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Verantwortungsforderungen verstanden werden muss. / Kahl, P. (2019), Otto Friedrich Bollnow in der NS-Zeit.

Verantwortung in der psychiatrischen Praxis - Handeln zwischen Freiheit und Zwang?

Dr. Dyrk Zedlick

Der psychiatrische Alltag stellt uns Fragen, auf die wir häufig keine eindeutigen Antworten wissen, die wir aber verantworten müssen. Die Janusköpfigkeit unseres Faches zwischen der Heil- und Ordnungsfunktion stellt uns auch in den Sozialpsychiatrischen Diensten und im gemeindepsychiatrischen Umfeld immer wieder vor Ambivalenzen, die bis in die eigene Ambitendenz führen können. In der kommunalpsychiatrischen Gemeinschaft der sich rasant entwickelnden Stadt Leipzig mit zunehmender Wohnungs- und Obdachlosigkeit, Probleme in der  Versorgung Geflüchteter und allgemeinen sozialen Verwerfungen, sind wir immer mehr zwischen der  „Freiheit zur Verwahrlosung“ und dem „Zwang als Führsorge“ hin und her gerissen. In Zeiten der „Individualisierungen“, der „verstummenden Resonanzen“ in den Natur- und Weltbeziehungen, in den „Singularitäten“, wo sich das ICH immer mehr von sich selbst entfremdet braucht es ein neues WIR. Wie kann dieses verantwortliche WIR auch in einer subjektorientierten Psychiatrie gestärkt werden, damit das ICH nicht untergeht und sich auf dem BODEN des SEEs verliert? Wie können wir gemeinsam Verantwortung organisieren, damit Selbst- Verantwortung auch für die Schwächsten der Gesellschaft möglich sein kann? In meinen Reflexionen am Bodensee werden Fragen der Umsetzung einer uns selbst gestellten Verantwortungsgemeinschaft versucht zu erörtern und zu diskutieren.

Verantwortung anders denken? Ethisches Handeln im Zeitalter der ökologischen Vernichtung

Prof. Maeve Cooke

Ich setzte mich mit der Frage auseinander, ob und wie im heutigen geopolitischen Kontext das Kant’sche Bild der Freiheit als Selbstbestimmung anders gedacht werden kann. In diesem Bild ist der Gedanke der Verantwortung eine wesentliche Komponente. Nach Kant sind handelnde Subjekte in einem ethischen (bzw. moralischen) Sinne selbstbestimmt, wenn sie sich der Gründe für ihr Handeln bewusst sind und auf die Frage nach ihren Gründen antworten und sich dadurch verantworten können, wobei die Verantwortlichkeit sowohl anderen Menschen als auch sich selbst gegenüber besteht. In unserem gegenwärtigen historischen Kontext, der durch die katastrophale anthropogene Zerstörung der fürs menschliche Leben erforderlichen Biosysteme gekennzeichnet ist, wird die Unzulänglichkeit dieses Bilds des ethischen Subjekts deutlicher. Vor allem wird evident, dass es einer Vorstellung der menschlichen Souveränität verpflichtet ist, die im Laufe der europäischen Moderne, intensiviert durch den Raubtier- und Heuschreckenkapitalismus des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts, die heutige ökologische Katastrophe befördert hat. Dennoch scheint der Gedanke der Verantwortung, wie er im Kant’schen Bilds des ethischen Subjekts vorhanden ist, eine wichtige Intuition auszudrücken:  dass Menschen zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich die ethische Qualität ihres Handelns erst in kommunikativen Begegnungen mit anderen bestimmen lässt und sie infolgedessen in Erinnerung rufen bzw. lernen müssen, sich auf ihre jeweiligen Gegenüber kommunikativ einzulassen. Zur Kant’schen Intuition füge ich hinzu: das Gegenüber mag menschlich oder anders-als-menschlich sein. In meinem Beitrag versuche ich, einige Schritte in Richtung eines Begriffs der Verantwortung zu machen, der sich vom problematischen Souveränitätsgedanken ablöst, dennoch aber die Wertschätzung der kommunikativen Interaktion beibehält, die das Kant’sche Bild des ethischen Subjekts auch zur Geltung bringt.

Abstracts
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